Neue Helden braucht das Land? Nein, brauchen wir nicht!

Thomas Mampel zu einer Blogparade mit dem Titel „Neue Helden braucht das Land….?“ aufgerufen. Seinem Aufruf folge ich gerne, da ich es für eine interessante Frage halte. 

Ich muss zugeben, ich habe ein schwer ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff. Auf der einen Seite fällt es mir schwer den romantisierenden Verlockungen des „Helden“ zu entgehen. Männer und Frauen, die in Situationen über sich hinaus gewachsen sind und dabei, nicht gerade selten, sich selbst aufgeopfert haben. Sie haben scheinbar unmenschliches, fast schon unmögliches geschafft. Da möchte man schon den Hut ziehen. Sie sind Symbole für bestimmte Werte und Haltungen. Allerdings werden sie allzu oft zu mystischen Heiligen stilisiert, die wenig mit den Menschen dahinter zu tun haben.

Und genau, dass ist es was mich wiederum stört. Die Schattenseiten werden ausgeblendet, die Realität simplifiziert, die Umstände glorifiziert. Ein Held opfert sich auf! Er wird zum Mythos stilisiert, weil er oder sie bis zur Selbstaufgabe geht. Die Verklärung zum Helden erfolgt oft erst im Nachgang. Als Rechtfertigung für den glorreichen Abgang, das vermeintlich notwendige Opfer. Das Heldentum wird mit Wertvorstellungen, mit ethischen Grundsätzen verbunden und dient als Rechtfertigung. Welches Potential dabei verloren gegangen ist, bleibt irrelevant. Was die „wirklichen“ Beweggründe waren bleibt offen. Auch bleiben die Umstände des Handelns, die Beweggründe unreflektiert. Der Mensch wird zu verklärten Heiligenfigur und zum unmenschlichen Ideal stilisiert. Unnahbar, unerreichbar für den einfachen Menschen im Alltag. Wer von uns ist schon ein Heiliger? Und wer ist schon bereit sich zu opfern. Die Messlatte wird sehr hoch angelegt. Sinnvoll? Eher weniger, oder?

Solche mystifizierten Heldenfiguren lassen sich auch wunderbar instrumentalisieren. Wir bekommen Helden als leuchtende Beispiel vorgehalten, als Ansporn für unser Tun. Hintergründe, Rahmenbedingungen und – vorallem Motive – werden zurechtgebogen, damit sie zum Mythos passen. Und das ist kein Phänomen autokratischer Systeme. Es ist Alltag. Das Problem, passt der Mythos zu unseren Rahmenbedingungen im Alltag? Ist das leuchtende Vorbild passend zu unseren Herausforderungen? Führt die Verklärung nicht dazu, dass die Realität verzerrt wird? 

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir Menschen auf einen überhöhten Sockel stellen und für unfehlbar erklären, die es nicht sind. Es sind Menschen wie wir! Ganz normale Menschen. Mit Schwächen, Ecken und Kanten. Erklären wir Menschen zu Helden und stürzen unsere Helden über ihre Unfehlbarkeit, besteht die Gefahr, dass die Werte und Normen, die mit ihnen verknüpft werden Infrage gestellt werden. Die Orientierung die wir im Mythos gesucht – und vielleicht auf gefunden haben – fällt weg. Sie wird zerstört. Mit einem Schlag, weil wir die Orientierung an einer nicht existenten Person festgemacht haben. Wir haben uns an einem Mythos orientiert, der so nicht existiert und damit selbst betrogen.  

Warum ich Heldentum für schädliche halte, versuche ich an einem Alltagsbeispiel aufzuzeigen: Da gibt es den Kollegen oder die Kollegin, die jeden Tag über 12 Stunden im Büro verbringt, um das Projekt voranzutreiben – egal ob Partner und Familie oder eigene Gesundheit darunter leiden. Probleme, Engpässe werde kaschiert – sie bleiben ungelöst. Warum sollte man Probleme lösen, wenn es jemand gibt, der die Kohlen aus dem Feuer holt? Warum Strukturen, Prozesse in Frage stellen, wenn es – Dank des aufopfernden Einsatzes anderer – alles funktioniert. Es läuft. Der heldenhafte Einsatz hat die Fehlentscheidung kaschiert, die dieses Heldentum erforderlich machen. Die Firma hat einen gefeierten Helden. Ein leuchtendes Beispiel, dass Schule machen soll. Das Problem, irgendwann kommt der „Heldentod“ (z. B. „Burnout“). Was für ein herber Verlust. Es fällt kostbares Erfahrungs-, Fachwissen und banal ausgedrückt, Arbeitskraft aus. Das wäre vermeidbar. Vermeidbar, wenn man eben nicht auf „Helden“ setzt. 

Brauchen wir also neue Helden? Mythische Figuren, die sich opfern? Nein, brauchen wir nicht. Wir brauchen sich gegenseitig inspirierende Mitmenschen. Wir brauchen gelebte gemeinsame Wertvorstellungen, ethische Grundsätze, die Helden unnötig machen – im alltäglichen Miteinander und im Berufsleben.

 
 
 
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2 Gedanken zu „Neue Helden braucht das Land? Nein, brauchen wir nicht!

  1. Lieber Thomas – das ist ein ganz wunderbarer Artikel. Du hast einen wirklichen ansprechenden und sehr angenehmen Schreibstil – wenn ich das mal so sagen darf….. Vor allem Dein Fazit im letzten Absatz gefällt mir gut! Ich werde alle bis Freitag eingehenden Beiträge zu der Blogparade am Freitag oder Samstag zusammenfassen und dann mit den entsprechenden Links „bewerben“ – ich hoffe, dass Dein Beitrag viel Aufmerksamkeit erfährt!

    Viele Grüße aus Berlin
    Thomas

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  2. Pingback: Heldenhafte Blogparade abgeschlossen. Prädikat: wow – sehr lesenswert! | mampel´s welt

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