Über die Scheinrationalität des Homo Oeconomicus

Irgendwie kommt es mir vor, als ob wir – trotz aller gegenteiliger Erkenntnisse – immer noch in der Scheinrationalität des Homo oeconomicus verhaftet sind. In einem unglaublichen, nahezu krankhaften Zahlenfetischimsus versuchen wir – wohlwissend, dass wir die Komplexität der Umwelt nie erfassen werden können – alles in Kennzahlen zu fassen und zu optimieren, ganz so als ob wir tatsächlich in der Lage wären eine vollständige Rationalität zu erschaffen. Diese irrwitzige Annahmen der Ökonomen, nach der sich das Handeln von Akteuren (Individuen, wie auch Organisationen) auf Nutzenmaximierung in simple mathematische Formeln reduzieren lässt, verleugnet jedoch gerade das es eben nicht möglich ist, rational zu handeln, da wir hierfür eine Komplexität in Naturgesetzmäßigkeiten Abbilden können müssten, die so real nicht im geringsten existiert. Das Controlling mutiert zum Selbstzweck.

Die Prämissen des Homo oeconomicus haben wenig mit der realen Welt zu tun. Weder ist der Mensch rein vom Eigennutz getrieben, noch gibt es vollständige Rationalität, denn diese würde voraussetzen, dass man vollständig über alle relevante informiert ist. Angesichts der Komplexität der Umwelt überhaupt nicht möglich. Eine Tatsache, die selbst Rational-Choice-Vertreter der alten Schule seit langer Zeit zugeben. Zufälle bestimmen unsere Entscheidungen, unser Handeln und damit auch die von uns geschaffenen Institutionen, Organisationen und Einrichtungen. Entscheidungen, Akteure, Lösungen finden mehr oder minder zufällig zusammen, weil wir die komplexen Einflussfaktoren überhaupt nicht kennen können [siehe Mülleimer-Modell]. Weil wir nicht wissen können, was alles existiert. Wir kennen die Alternativen nicht. Wir verharren auf vertrauten Wegen, die wir nur verlassen wenn wir müssen und beharren auf unseren festgefügten Trampelpfaden [siehe Theorie des historischen Institutionalismus].

Und dennoch glauben wir den Schein der Rationalität aufrecht halten zu müssen und flüchten uns in einen übersteigerten Effizienzwahn, der vollkommen aus dem Gleichgewicht gerät. Vom Effizienzwahn getrieben, wird der schnelle Erfolg zum Ziel aller Erwartungen, egal ob wir von Selbstführung oder Organisationsführung sprechen. Alles muss noch schneller, noch größer, noch günstiger, noch besser werden. Wir müssen mehr in kürzer Zeit leisten, mehr verdienen, mehr „weg arbeiten“, mehr erreichen. Die Zahlen müssen stimmen – koste es was es wolle. Wir sind fixiert auf kurzfristige Erfolge und flüchten uns zur Rechtfertigung in die Welt der Zahlen. Aber wo bleibt die Nachhaltigkeit, der langfristige Erfolg? Wo die Frage, nach dem „Tun wir das Richtige?“. Die Kennzahlenfixierung und Optimierungswahn lassen uns das eigentliche Ziel, die Frage nach der dem „Was wollen wir überhaupt“ aus dem Auge verlieren.

Ich lehne die Effizienz nicht ab. Aber wenn Effizienz, Wirtschaftlichkeit zum Selbstzweck werden ist das eine Flucht in die Scheinrationalität. Eine Scheinrealität, die nur auf dem Papier existiert. Wir Leben in einer Welt, nicht unendlicher, aber unmöglich überschaubarer Möglichkeiten, Einflussfaktoren und Zusammenhänge. Wichtiger ist daher viel mehr die Frage, was wollen wir überhaupt? Tun wir die richtigen Dinge? Ist das, was wir tun überhaupt zielführend? Das ist die Schlüsselfrage. Erst danach stellt sich die Frage, ob wir es richtig tun. Nicht Effizienz ist der bestimmende Faktor, sondern die Effektivität.

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3 Gedanken zu „Über die Scheinrationalität des Homo Oeconomicus

  1. Danke für diesen anregenden Artikel!

    Ein Kollege sagte vor ein paar Jahren zu mir, dass es doch gar kein Wunder sei, dass Phänomene wie Burnout um sich zu greifen scheinen, schließlich werde die Welt, in der wir leben, immer komplexer, dabei gehe dieser Prozess immer schneller und die Sinnhaftigkeit des ganzen hektischen Tuns sei immer häufiger nicht mehr zu erkennen (Dank an Jens Fahsel für diese Worte!)

    Und unter diesen Bedingungen tatsächlich nur auf Basis der Datenlage, nur auf Basis von Effizienzerfordernissen und auf Basis von Phantasien über Rationalität (z.B., dass beständiges Wachstum möglich sei) zu entscheiden, hat was von Verantwortungslosigkeit, mindestens aber von eingeschränktem Willen zur Reflektion.

    Mein Coaching Ausbilder sprach damals vom altgriechischen Begriff ‚Hamartia‘ (Zielverfehlung) und meinte damit, dass es (nicht im ursprünglichen Sinne des Begriffs (Zielverfehlung als Schuld – Schuld gefühle sind psychologisch aus meiner Sicht wirklich ein Klotz am Bein, der vieles behindert, bestenfalls die Notwendigkeit zur eigenen Weiterentwicklung ermöglicht) sondern im Sinne des „Tun wir/tue ich das Richtige“) ein Thema ist, was nicht einfach so ignoriert werden kann im eifrigen Streben nach Optimierung (auch Selbstoptimierung).

    Die aufgeworfene Frage „Tun wir das Richtige?“ ist aus meiner Sicht ein sehr sehr wichtiges Korrektiv für alle Entwicklungen und Entscheidungen, die den Gedanken an Nachhaltigkeit und Vernetzung vernachlässigen.

    Gefällt 1 Person

  2. Hat dies auf Wünschen. Wollen. Tun. rebloggt und kommentierte:
    Ich habe heute morgen einen sehr spannenden Artikel über Scheinrationalität gelesen, den ich hier rebloggen möchte.

    Danke für diesen anregenden Artikel!

    Ein Kollege sagte vor ein paar Jahren zu mir, dass es doch gar kein Wunder sei, dass Phänomene wie Burnout um sich zu greifen scheinen, schließlich werde die Welt, in der wir leben, immer komplexer, dabei gehe dieser Prozess immer schneller und die Sinnhaftigkeit des ganzen hektischen Tuns sei immer häufiger nicht mehr zu erkennen (Dank an Jens Fahsel für diese Worte!)

    Und unter diesen Bedingungen tatsächlich nur auf Basis der Datenlage, nur auf Basis von Effizienzerfordernissen und auf Basis von Phantasien über Rationalität (z.B., dass beständiges Wachstum möglich sei) zu entscheiden, hat was von Verantwortungslosigkeit, mindestens aber von eingeschränktem Willen zur Reflektion.

    Mein Coaching Ausbilder sprach damals vom altgriechischen Begriff ‚Hamartia‘ (Zielverfehlung) und meinte damit, dass es (nicht im ursprünglichen Sinne des Begriffs (Zielverfehlung als Schuld – Schuld gefühle sind psychologisch aus meiner Sicht wirklich ein Klotz am Bein, der vieles behindert, bestenfalls die Notwendigkeit zur eigenen Weiterentwicklung ermöglicht) sondern im Sinne des „Tun wir/tue ich das Richtige“) ein Thema ist, was nicht einfach so ignoriert werden kann im eifrigen Streben nach Optimierung (auch Selbstoptimierung).

    Die aufgeworfene Frage „Tun wir das Richtige?“ ist aus meiner Sicht ein sehr sehr wichtiges Korrektiv für alle Entwicklungen und Entscheidungen, die den Gedanken an Nachhaltigkeit und Vernetzung vernachlässigen.

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  3. Pingback: Das ist so, weil… Was nutzt und schadet es uns, Erlebnisse zu rationalisieren? | Wünschen. Wollen. Tun.

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