#Gedankenblitz: Komplexität und Wahrheit

Das Thema Komplexität lässt mich nicht wirklich los und beschäftigt mich weiter. In einer komplexen Welt, so meine These, kann es keine eine, keine absolute „Wahrheit“ im Sinne von Erkenntnis geben. Die Idee ist nicht neu, schon Kant und vor ihm andere Denker, haben bereits erklärt, dass eine absolute Wahrheit nicht existieren kann. Seltsamerweise hat sich dies aber nicht wirklich nachhaltig niedergeschlagen, zumindest könnte man den Eindruck gewinnen, wenn man manche gesellschaftliche Debatte beobachtet und auch im beruflichen Alltag begegnen mir nach wie vor dogmatische Sichtweisen mit ideologischem Charakter. Ich reibe mir in diesen Momenten immer wieder verwundert die Augen.

Zumindest in den meisten wissenschaftlichen Disziplinen wird anerkannt, dass es die vollkommene Rationalität des Homo Oeconomicus nicht geben kann, weil eben die Welt komplex ist und ein einzelner Mensch oder eine Organisation nicht in der Lage ist alle Faktoren dieser Komplexität vollständig zu erfassen. Okay, die Wirtschaftswissenschaftlicher tun sich zum Teil noch schwer damit. Das Beharrungsvermögen des Denkmodells des „Homo Oeconomicus“ in dieser Fachdisziplin ist zwar erstaunlich – aber immerhin die Sozialwissenschaften haben schon früh erkannt, dass es bestenfalls von einer begrenzten Rationalität des Individuums und von Organisationen ausgegangen werden kann (z. B. Mülleimer-Modell und seine Fortentwicklungen).

Wenn wir also davon ausgehen, dass wir in einer komplexen Welt leben und wir davon ausgehen, dass wir diese Komplexität nicht wirklich erfassen können, dann kann es auch keine eine, absolute, Wahrheit geben. Sondern eine Vielzahl von Wahrheiten – aus dem jeweiligen Standpunkt des Betrachters aus gesehen. Aber selbst in einem interdisziplinären Team werden wir nicht jeden Standpunkt, jede Sichtweise abbilden können, die möglicherweise aus der komplexen Umwelt einwirkt. Das heißt, selbst wenn wir unter diesen Bedingungen eine Lösung für ein Problem erarbeiten, muss dies nicht die absolute, finale Lösung sein. Es ist vielmehr eine „vorläufige“, eine unter „Vorbehalt“ stehende Lösung, die den aktuellen Stand dessen umfasst, den wir kennen. In einer komplexen Welt gibt es naturgegebenerweise immer wieder Faktoren, die nicht bekannt oder nicht greifbar sind. Damit bleibt ein hoher Unsicherheitsfaktor und eine entsprechende Fehlerwahrscheinlichkeit. Das ist aus meiner Sicht nicht weiter schlimm, man muss sich dessen nur bewusst sein. Es gibt nicht DIE Lösung, sondern nur eine Annäherung an DIE Lösung. Und selbst DIE Lösung ist eine mögliche Wahrheit, unter weiteren Optionen die wir (noch) nicht kennen. Die ständige Fortentwicklung ist damit ein Kernelement der Annäherung an den Kern der Wahrheit oder die „perfekte“ Lösung.

Wie kommt man unter solchen Bedingungen zu einer Lösung? Auch hier liefern Kant und seine Vordenker eine Lösung, die von späteren Denkern aufgegriffen worden ist z. B. Habermas oder Popper: der (selbst-)kritische Diskurs sich scheinbar widersprechender Wahrheiten. Oder mit den Worten von Popper: „Ein Rationalist ist einfach ein Mensch, dem mehr daran gelegen ist zu lernen, als recht zu behalten; der bereit ist, von anderen zu lernen, nicht etwa dadurch, dass er die fremde Meinung einfach annimmt, sondern dadurch, dass er gerne seine Ideen kritisieren lässt und gerne die Ideen anderer kritisiert. Der Nachdruck liegt hier auf der Idee der Kritik oder genauer gesagt der kritischen Diskussion. Der echte Rationalist glaubt also nicht, dass er selbst oder sonst jemand im Besitze der Weisheit ist. Auch glaubt er nicht, dass die bloße Kritik als solche uns schon zu neuen Ideen verhilft. Aber er glaubt, dass nur die kritische Diskussion uns dazu helfen kann, im Gebiete der Ideen den Hafer von der Spreu zu sondern. Er weiß wohl, dass die Annahmen oder Verwerfung einer Idee niemals eine reine rationale Angelegenheit ist; aber er glaubt, dass nur die kritische Diskussion uns die Reife geben kann, die nötig ist, um eine Idee von mehr und mehr Seiten zu sehen und sie gerecht zu beurteilen.“ (Karl R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen (München, 2005):160)

In diesem Sinne, ist der kritische Diskurs, der einzige Weg sich der idealen Lösung anzunähern. Das setzt jedoch vor allem eines voraus: die Bereitschaft anzuerkennen, dass es neben der eigenen Wahrheit (=Sichtweise) noch eine weitere gibt und diese weder schlechter noch besser ist als die andere. Für Ideologen und Dogmatiker ist daher kein Platz in einer komplexen Welt. Es spielt dabei keine Rolle, ob wir uns im Bereich der gesellschaftspolitischen Debatte oder im täglichen Projektgeschäft befinden. Die eherne Regel des offenen, selbstkritischen Diskurses gilt in beiden Fällen. Nur so können wir unsere Ideen weiterentwickeln, fortschreiben und uns der idealen Lösung in einem komplexen Umfeld nähern.

Im Alltag bedeutet es, andere „Meinungen“ und Sichtweise zu zulassen, sie zu respektieren und sich der Diskussion zu stellen. Offen, transparent im Dialog zu bleiben. Und vor allem eines, bei Fundamentalpositionen klare Kante zeigen. Es gibt nicht eine Wahrheit. Sie kann es nicht geben, denn wir können in einer komplexen Welt nicht alle Faktoren erfassen.

Vielleicht erklärt dies auch, warum ich ein großer Freund agiler Methoden bin. Aus meiner Sicht sind es gerade die agilen Methoden, die dieses Konzept der Annäherung an den Idealzustand verinnerlicht haben.

Und zu guter Letzt, ein Aufruf an Euch: tragt dazu bei, dass die Diskurskultur nachhaltig Teil des Alltags wird. Diskutiert, kommentiert und „korrigiert“ mich bitte! Nur so kann ich meine Ideen weiterentwickeln, fortschreiben und verbessern. Danke.

Veröffentlicht mit WordPress für Android

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