#GEDANKENBLITZ: Selbstorganisation und Partizipation als Teil einer agilen Kommunalverwaltung

Vorbemerkung

Seit Längerem schon geistert die Idee in meinem Kopf herum ein agiles Organisationsmodell für Kommunalverwaltungen zu entwickeln, mit dessen Hilfe beispielhaft Schlüsselentscheidern aufgezeigt werden kann, wie eine „agile“ Kommunalverwaltung aussehen kann. Bisher ist es noch eine Idee mit vielen verschiedenen Versatzstücken, Gedankensplittern die noch reifen müssen, die aber nach und nach beginnt Gestalt anzunehmen. Einer meiner Gedankenblitze zu dem Thema, denn ich Euch heute kurz zur Diskussion vorstellen möchte, ist unter anderem auch durch das neue Buch von Andreas Zeuch: Alle Macht für niemand inspiriert (ich habe das Buch noch nicht vollständig gelesen – aber eine Rezension wird es hier auf jeden Fall geben). Soviel also zur Vorgeschichte des Blogpostings von heute.

Kommunale Selbstverwaltung = kommunale Selbstorganisation

Kommunalverwaltung – dass heißt in Deutschland zunächst kommunale Selbstverwaltung. Diese hat eine sehr lange Tradition und hat sogar Verfassungsrang (Art. 28 II GG). Kommunale Selbstverwaltung heißt in diesem Falle, dass es „Gemeinden“ als Gebietskörperschaften geben muss und diese ihre Angelegenheit selbst regeln dürfen. Hierfür ist auch eine entsprechende Volksvertretung der Körperschaftsmitglieder (als der Bürger) ist übrigens ebenfalls vorgeschrieben. In fast allen Bundesländern gibt es zwischenzeitliche Gemeindeordnungen, die neben dem Gemeinderat auch einen direkt gewählten Bürgermeister als „geborene Organe“ der Kommunalverwaltung (also als höchste Entscheidungsinstanz) kennen. Beide werden als durch demokratische Beteiligungsprozesse legitimiert. Daneben kennen die meisten Gemeindeordnungen der Länder weitere formelle Beteiligungsformen (die ich aber hier nicht aufzählen möchte). Demokratische Partizipation ist also ein Kernelement der Kommunalverwaltung mit einer langen Tradition. Darüber, ob die gewählten Formen heute noch adäquat sind, kann man sich trefflich streiten. Fakt ist allerdings, dass in den letzten Jahren weitere zahlreiche Formen der Partizipation informell und formell in sehr vielen Kommunalverwaltungen praktiziert werden. Das ist aber für mich nicht das Thema. Was ich zeigen möchte, ist vielmehr, dass es die Grundidee der demokratischen Partizipation und der Selbstorganisation (die kommunale Selbstverwaltung ist eine Form der Selbstverwaltung) bereits sehr lange gibt und sie ihre historische Wurzeln sogar bis in weit ins Mittelalter und darüber hinaus hat.

Selbstorganisation übertragen auf die Verwaltung

Was mich dabei etwas erstaunt, ist jedoch viel eher dass diese demokratische Partizipation per se nach „außen“ gerichtet ist. Von der Verwaltung an die Bürger (als Auftraggeber). Jedoch „verwaltungsintern“ partizipative auf die betriebliche Mitbestimmung im Sinne, der entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen und sporadische Veränderungsprozesse beschränkt bleibt. Das Prinzip der Selbstorganisation, der Partizipation ist eher rudimentär ausgeprägt. Es herrscht oft eine Denke in hierarchischen Wegen vor, die sich vor allem an den rechtlichen Grundlagen orientiert. Klare hierarchische Strukturen regeln Kompetenzen, Zuständigkeiten und – schlimmer noch Verantwortlichkeiten. Mit anderen Worten, dass was wir oft als „Bürokratie“ verteufeln.

An dieser Stelle möchte ich ein paar Gedanken von Andreas Zeuch (aus seinem oben bereits erwähnten Buch) aufgreifen, für die er im Übrigen hervorragend empirische Belege und Fallstudien aufführt, die seine These bestätigen: Selbstorganisierte, partizipative Organisationsstrukturen sind produktiver, agiler und gesünder! Und ganz nebenbei führen „Unternehmensdemokratien“ dazu, dass die Betroffenen in ihrem Alltag demokratische Partizipation einüben, erleben und greifbar erleben können. Mit der Folge, dass sie sich über ihr Unternehmen hinaus stärker gesellschaftliche beteiligen.

Wie Selbstorganisation hilft „demokratischer“ zu werden

Diesen Gedanken habe ich aufgegriffen und gedanklich auf Kommunalverwaltungen (bewusst nicht auf Landes- und Bundesbehörden, die über andere Strukturen verfügen) übertragen. Wenn sich Kommunalverwaltungen als „Wiege der Demokratie“ verstehen, müssten sie auch ein originäres Interesse daran haben, als „Demokratielabor“ nach innen zu wirken. Soll heißen selbstorganisierte, partizipative Formen nicht nur im Verhältnis professionelle Verwaltung – Bürger als Auftraggeber, sondern auch im Innenverhältnis Verwaltungsspitze/Gemeinderat – Verwaltungsmitarbeiter zu praktizieren.

Statt der klassischen hierarchischen Strukturen, sollten auch innerhalb der Verwaltung zunehmen agile, partizipative Organisationsformen die Basis bilden. Sie fördern zum einen die „Fähigkeit“ komplexe Lösungen sehr schnell zu erarbeiten (angesichts der stetig wachsenden Komplexität, die auch vor Kommunalverwaltungen nicht haltmacht) eine Schlüsselkompetenz, in dem Motivation, Innovationskraft und Flexibilität gesteigert werden. Auf die Belege und Verweise verzichte ich an dieser Stelle – hierfür gibt es ausreichend Literatur, in der die Vorteile der Selbstorganisation und ihre Auswirkung bereits ausführlich belegt werden. Gleichzeitig fördern – auch hierfür gibt es sehr gute empirische Belege – Selbstorganisation die emotionale Bindung mit der Aufgabe und der Organisation, somit auch die Identifikation mit der Stadt/Gemeinde. Ein aus meiner Sicht wichtiger Punkt, wenn wir hier von Mitarbeitern der Kommunalverwaltung sprechen. Der berühmte Spruch von den vielen Häuptlingen wird im Übrigen in der einschlägigen Fachliteratur mittlerweile als das enttarnt, was es eigentlich ist: die Angst Einfluss und Macht zu verlieren. Eine Angst, die sich durch empirische Belege übrigens nicht begründen lässt.

Aber jetzt, dass für mich eigentlich ausschlaggebende Argument. Durch partizipative Entscheidungswege und -prozesse innerhalb der Verwaltung lernen Verwaltungsmitarbeiter selbst Methoden und Wege. Sie praktizieren selbst, was sie im Verhältnis Bürger – Verwaltung schaffen sollen. Durch das eigene Erleben und Erfahren werden Hemmschwellen und Vorurteile abgebaut. Und diese gibt es. Die Ängste vor „zu viel Bürgerbeteiligung“ sind nach wie vor groß in der öffentlichen Verwaltung. Stattdessen erfahren sie selbst, dass Partizipation die Entscheidungsqualität verbessert. Sie erlernen selbst und durch persönliche Erfahrung partizipative Verfahren, Wege und Methoden anzuwenden – ja sogar wertzuschätzen.

Wichtig ist dabei, dass die höchsten Gremien der Gemeindeverwaltung nach wie vor die Schlüsselentscheider bleiben. Sie sind nach wie vor die Vertreter der Bürgerschaft. Der Auftraggeber. Das eine schließt, dass andere nicht aus.

Fazit

Die von mir in diesem Beitrag kurz skizzierten Gedanken sind natürlich noch nicht ausgereift und nur ein Versatzstück von weiteren Gedankengängen, die hoffentlich irgendwann zu einem ausgereiften Beispielmodell für eine agil-partizipative Organisation einer Kommunalverwaltung führen. Wer sich an diesem Gedankenspiel beteiligen möchte, der darf sich ruhig mit mir in Verbindung setzen. Ich freue mich, wenn der eine oder andere Lust hat, z. B. am PMCamp in Dornbirn gemeinsam mit mir meine Gedankengänge weiterzuspinnen. Erste Mitstreiter gibt es sogar schon.

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2 Gedanken zu „#GEDANKENBLITZ: Selbstorganisation und Partizipation als Teil einer agilen Kommunalverwaltung

  1. Lieber Thomas,

    zunächst einmal wünsche ich Dir viel Glück auf dem Weg zur Agilen Verwaltung. Ein wirklich spannender und in meinen Augen lohnenswerter Denkansatz, der mich insofern interessiert, da ja auch „die Sozialwirtschaft“ zu großen Teilen von Kostenträgern – eben der Verwaltung auf unterschiedlichen Ebenen – „abhängig“ ist (zu nennen sind neben anderem bspw. Jugendämter).

    Als kleine Anekdote zur „stetig wachsenden Komplexität, die auch vor Kommunalverwaltungen nicht haltmacht“: Hier in Freiburg (wahrscheinlich auch anderswo) ist es Mitarbeitenden der Verwaltung aus datenschutzrechtlichen Gründen verboten, soziale Medien zu nutzen. Das führt dazu, dass sich in der digitalen Realität „agile“ Hilfestrukturen (bspw. aktuell für Flüchtlinge) etablieren, die von den städtischen MitarbeiterInnen nicht mehr „kontrolliert“ oder besser begleitet werden können.

    Damit – so meine erste These – sind in Verwaltungen zunächst einmal Möglichkeiten zur Teilnahme der Verwaltung am „realen“ Leben zu schaffen, um überhaupt bspw. Mitbestimmung auch erlebbar zu machen. Hier ist es wohl vor allem in Deutschland nötig, echtes „Neuland“ zu betreten.

    Meine zweite These lautet jedoch – etwas pessimistisch und in der Hoffnung, dass es nicht so ist – dass die Organisation „Verwaltung“ aufgrund ihres Zweckes (Verwalten) nicht dazu in der Lage sein kann, die neu an sie gestellten Anforderungen der „Kundenorientierung“, der Orientierung nach außen, des „New Public Management“ zu erfüllen. Verwaltungen können gut verwalten, optimal sogar. Und – siehe M. Weber – funktioniert Verwaltung aka. Bürokratie in hierarchischen Strukturen am Besten. Die Ausrichtung auf Kunden passt da nicht rein. Agile Strukturen, Selbstorganisation, Eigenverantwortung, Innovation etc. in Verwaltungen kann damit nicht gelingen.

    Hinzu kommt , vielleicht als dritter Punkt, dass sich das System Verwaltung selbst am Leben hält. Entscheidungsträger bspw. in Schulen (Schulverwalter) kommen selbst aus der Schule (als Lehrer). Sie haben – trotz Wissens über die Probleme des Schulsystems – kein Interesse daran, das System ins Wanken zu bringen und gleichzeitig wehrt sich das System selbst erfolgreich dagegen, ins Wanken gebracht zu werden.

    Naja, soviel mal von hier. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung Deiner Gedanken und – wie gesagt – hoffe, dass es doch anders geht (schon allein aus Sicht der Mitarbeiter… 😉

    Beste Grüße

    Hendrik

    Gefällt 1 Person

    • Deine Skepsis und Sorge ist für mich gut nachvollziehbar.

      Wenn ein Beamter etwas nicht machen möchte, ist er sachlich/fachlich/örtlich nicht zuständig. Das ist kein neues Phänomen. Und genau wie in einem Großkonzern kann mensch sich sehr schön hinter Vorschriften verstecken.

      Im Hinblick auf das Social Media-Beispiel: das ist peinlich. Es ist möglich Social Media datenschutzkonform umzusetzen – sofern mensch will. Den Social Media ist nicht nur Facebook. Ich kenne die Argumentation zur Genüge. Das gilt aber für viele Bereiche im kommunalen Alltag. Wenn etwas nicht gewollt wird, dann zieht mensch sich auf die geseztlichen Bestimmungen zurück und tut so, als ob es keine Alternativwege gibt. Die gibt es jedoch häufig. Auch hier gilt: wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

      Was leider wirklich fehlt ist oft die Motivation neue Wege zu beschreiten. Das ist tatsächlich eine kulturelle Frage, aber genau diese Kultur gilt es aufzubrechen.

      Ich beziehe mich bewußt auf die Kommunalverwaltung. Denn diese steht – anders wie andere Behörden – ganz in der Tradition der kommunalen Selbstverwaltung. Deshalb halt ich es auch dort am leichtesten für realisierbar. Denn dort ist nach eigenem Anspruch und der Tradition bereits „Partizipation“ im Code verankert.

      Das Kernproblem des Neuen Steuerungsmodells (wie New Public Management in der deutschen Diskussion bezeichnet wird) liegt darin, dass man vor 20 Jahren zwar versucht hat, Managementmodelle auf die öffentliche Verwaltung zu übertragen und mit dem Konzept der Bürgerkommune auch das Thema Partizipation aufgegriffen hat (aber halt eben nur im Dialog Verwaltung – Bürger). Da krankt es au meiner Sicht – es ist versäumt worden, die Mitarbeiter (partizipativ) einzubinden. Sie wurden vergessen. Das NSM wurde überwiegend topdown umgesetzt.

      Als vor gut 15 Jahren in den baden-württembergischen Ministerin die NSI (Neuen Steuerungsinstrumente) eingeführt werden sollten, gab es da aus meiner Sicht zwei einschneidende Fehler. Es wurden „unerfahrene“ Berater (ohne öffentlich-rechtlichen Kontext) hierfür ins Boot geholt und es wurde versäumt von Anfang an, die Betroffenen in den Prozess einzubinden. Die Abwehrreaktion war vorhersehbar. Daher glaube ich, dass agil-partizipativ vorzugehen der bessere Weg ist.

      Die Fallbeispiele die Andreas Zeuch übrigens unter der Überschrift Unternehmensdemokratie aufführt bestätigen und bestärken mich darin, dass auch vormals hierarchisch geprägte Strukturen (auch in Großunternehmen) den kulturellen Wandel schaffen können. Selbst in Tradtionsorganisationen wie Kommunalverwaltungen.

      Gefällt 1 Person

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